Xiaolu Guo: "Stadt der Steine"
"Wie weit und wohin
wir auch reisen, es ist wichtig, dass wir immer genau wissen, woher wir kommen."
Die 1973 an der chinesischen
Ostküste geborene Xiaolu Guo hat sich in ihrem Heimatland bereits als Schriftstellerin
und Filmemacherin einen Namen gemacht. Mit "Die Stadt der Steine",
einem Roman mit erheblichen autobiografischen Zügen, stellt sie sich erstmals
dem deutschsprachigen Leserpublikum vor.
Auch wenn die auf die
Dreißig zugehende Icherzählerin Coral mit ihrem frisbeeverrückten
und arbeitsscheuen Freund in Partnerbeziehung zusammenlebt, führt sie in
der Metropole Peking nach eigenem Ermessen ziemlich das Leben eines Einsiedlerkrebses.
Wenn sie nicht gerade ihrer Arbeit in einer Videothek nachgeht, verkriecht sie
sich gewöhnlich in ihrer Wohnung, welche sich im Erdgeschoss eines fünfundzwanzigstöckigen,
überaus hässlichen Wohnhauses befindet, schaut sich Filme an oder
lauscht dem Stimmengewirr der Stockwerke über ihr. Sie und ihr Freund schlafen
auf einer Matratze in dem Gefühl, die Investition in ein Bett lohne sich
nicht, und so ähnlich scheint Coral auch dem Leben gegenüber zu stehen;
die Liebe, die Arbeit, alles ist so unsicher, dass man am besten gar keine Zukunftspläne
macht. Die knappe Stunde Sonne, die pro Tag in die Wohnung fällt, versäumt
sie meist.
Dieser recht triste
Alltag wird eines Tages durch eine außergewöhnliche Postsendung unleserlichen
Absenders unterbrochen.
Ein
riesiger getrockneter und gesalzener Aal zwingt Coral dazu, sich wieder
mehr mit dem Kochen und insbesondere mit ihrer verdrängten Vergangenheit
in einer so andersgearteten Welt, der sogenannten Stadt der Steine zu beschäftigen.
Der Name von Corals auf einer Halbinsel gegenüber von Taiwan gelegenen
Kindheitsstadt, die sie als junge Frau verließ, verdankt sich dem Umstand,
dass dort während der alljährlichen Taifunzeit Meer und Stürme
derart toben, dass alles andere als Stein einfach weggespült würde.
Demgemäß gleichen die Häuser kleinen kompakten Steinfestungen,
und auch die darin lebenden Menschen zeichnen sich weniger durch Herzenswärme
als durch Rauigkeit, Härte und Beschränkung auf das für sie Wesentliche
aus. Ihre Existenz verdankt die Stadt ausschließlich dem Fischfang, fast
das ganze Jahr über fahren die Meeressammler, wie sich die Fischer nennen,
auf die See hinaus, um mit reicher Beute heimzukehren und vielleicht eines Tages
selbst Beute des Meeres zu werden; am Strand stehende auf die Rückkehr
ihrer Männer wartende Frauen gehören mit zum Stadtbild. Auch die meisten
Sitten und Bräuche verdanken sich dem Meer, die Kinder werden nicht bei
ihren tatsächlichen Vornamen, sondern bei möglichst unbedeutend klingenden
Spitznamen gerufen, um den Meeresdämon nicht auf sich aufmerksam zu machen.
Bei Coral alias "Kleiner Hund" hat dies offenbar geklappt, und tatsächlich
scheinen Trägerinnen von abwehrzauberlosen Spitznamen wie "Erhoffter
Junge" stärker gefährdet.
Doch der Meeresdämon
ist nicht die einzige Leidquelle in der Stadt der Steine, und Überleben
allein ist wenig bzw. schafft lediglich die Voraussetzung für echtes, selbstbestimmtes
Leben. Diese Erfahrung muss Coral nun machen, als mehr und mehr alte schmerzhafte
Erinnerungen aus dem Marianengraben (tiefster Graben des Ozeans) ihrer Seele
an die Oberfläche kommen. Dabei geht sie die wichtigsten Stationen und
Personen ihrer Kindheit ein zweites Mal durch, die althergebrachten Rituale
der Erwachsenen, die Kälte ihrer einander hassenden Großeltern, bei
denen "Kleiner Hund", Einzelkind und Einzelgängerin, aufwächst,
ihre wenigen Spielgefährten und ihre einzige wirkliche Vertraute, die schreckliche,
schöne, allesbestimmende See. Während sie sich nach und nach auch
ihren tiefsten Verwundungen, sexueller Nötigung, abgebrochener Schwangerschaft,
der Gefühlsarmut ihres damaligen Umfelds, stellt, wendet die freigesetzte
Energie langsam und unmerklich ihr Leben in der Hauptstadt zum Besseren, der
Krebs beginnt sich aus seinem Gehäuse zu wagen.
Neben seinem Hauptthema,
dem Dokument einer tabulosen, von einer kühlen Zärtlichkeit gegenüber
dem jeweiligen Objekt getragenen Trauerarbeit zeichnet sich der Roman durch
die atmosfärischen und detailfreudigen Schilderungen des für den Europäer
exotischen Ambientes aus. Am Ende wird Coral von der Stadt nicht mehr
verfolgt,
trägt sie vielmehr freiwillig in sich und vermag mit einem bittersüßen
Gefühl, einer Mischung aus Vorfreude und Trauer an die Zukunft zu denken.
Der Aal ist inzwischen zur Gänze verspeist, ohne dass sie oder ihr Freund
der zahllosen Aalvariationen
überdrüssig geworden wären.
A propos Geschmack: so sehr der Verlag für die Veröffentlichung des
Buches an sich zu loben ist und auch wenn Frau Xiaolu derzeit in London lebt
- auf Chinesisch Geschriebenes aus dem Englischen übersetzen zu lassen
war keine gute Idee.
(fritz; 08/2005)
Xiaolu Guo: "Stadt der Steine"
Übersetzt von Anne Rademacher.
Gebundene Ausgabe:
Knaus, 2005. 256 Seiten.
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Taschenbuch:
Goldmann, 2007.
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Lien: Netzseite der Autorin in englischer Sprache
Ein weiteres Buch der Autorin: Leseprobe:
"Kleines Wörterbuch für Liebende"
Die junge Chinesin Zhuang reist zum ersten Mal in den Westen und taucht in eine
fremde Welt ein. Sprache und Umgangsformen, Essen und Trinken, Liebe und Sex -
alles ist befremdlich, überraschend und manchmal unbegreiflich. Ebenso amüsante
wie erhellende Missverständnisse verbinden sich zu einem rasanten Verwirrspiel
zwischen Ost und West und Mann und Frau. Ein außergewöhnliches Lesevergnügen!
Als Zhuang in London ankommt, fühlt sie sich vollkommen verloren. Ihre Eltern
haben sie in den Westen geschickt, damit sie Englisch lernt. Doch es ist nicht
nur die fremde Sprache, die ihr Mühe macht. Sie sieht sich mit unfreundlichen
Taxifahrern, ungenießbarem Essen und seltsamen Umgangsformen konfrontiert.
Unbekannte Wörter, ungewöhnliche Begebenheiten und verblüffende Beobachtungen
hält sie in einem kleinen Notizbuch fest, das zum Rettungsanker im Meer der
Missverständnisse wird. Geborgen fühlt sich Zhuang nur im Kino - dort begegnet
sie schließlich auch der Liebe. Doch im Westen erweist sich diese als ebenso
kompliziert wie der Alltag.
Xiaolu Guo inszeniert den Kulturschock erhellend und voller Witz. "Kleines
Wörterbuch für Liebende" ist ein kluges, unterhaltsames Verwirrspiel um
kulturelle Unterschiede und nicht miteinander zu vereinbarende Lebensformen.
Zugleich ist es eine zärtliche, bittersüße Liebesgeschichte. (Knaus)
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1
Alles begann mit einem Paket, einem
Paket, in dem ein getrockneter und gesalzener Aal steckte, aufgegeben von einem
namenlosen Absender unter einer unbekannten Adresse in der Stadt der
Steine.
Es ist ein großer, etwa fünfundachtzig Zentimeter langer Meeraal,
ganz intakt, mit Schwanz- und Seitenflossen. Die Schwanzflosse ist
außergewöhnlich lang. Ich stelle mir vor, wie dieser Aal nach dem traditionellen
Verfahren der Stadt der Steine behandelt wurde, bei dem man ihn erst mit zwei
Kilo grobem Meersalz pro fünf Kilo Aal bestreute und dann in der
Sonne trocknen
ließ. Man sieht noch die Narbe an der Stelle, wo das Messer in den silberweißen
Bauch des Aals schnitt, um dann wieder herauszufahren und den Aal langsam vom
Kopf bis zur Schwanzflosse aufzuschlitzen, bis er in zwei lange Streifen
auseinander fiel, die nur noch in der Mitte zusammenhingen.
Ein so riesiger
Aal, überlege ich, muss im siebten Monat des Mondkalenders gefangen worden sein,
in dem die Aale besonders fleischig und schmackhaft sein sollen. Als Erstes wird
man ihm die Eingeweide ausgenommen haben, dann hat man ihn sicher an ein
Nordfenster gehängt, wo er die Fischsaison des
Winters über trocknete, bis er
hart wie eine Messerklinge war. Dann muss ihn irgendeine Hand - wessen Hand,
weiß ich nicht - vom Dachbalken genommen und in ein Paket gewickelt haben, das
in eine tausendachthundert Kilometer weit entfernte Stadt geschickt wurde, die
Stadt, in der Red und ich zu Hause sind.
Als ich das nach Fisch stinkende
Paket auf den Küchentisch lege, steht Red neben mir. Red, mein bester Freund in
dieser Stadt und der einzige Mann in meinem Leben, fragt mich argwöhnisch, woher
das Paket kommt.
"Die Stadt der Steine", antworte ich abwesend.
"Die Stadt
der Steine?" Die Worte scheinen Red zu verblüffen, als wären es kaum
verständliche Silben einer altertümlichen Sprache.
Das Paket ist schwer. Als
ich den riesigen Aal aus dem Einschlagpapier wickle und auf den Tisch lege, ist
Red vor Schreck wie gelähmt. Der Aal wirkt auf unheimliche Art lebendig. Die
monströse Schwanzflosse steht nach oben ab, als wolle das Tier jeden Moment
losschwimmen.
Und sofort werde ich von Erinnerungen überflutet - der
Salzgeruch des Ostchinesischen Meeres und der Geruch eines Taifuns über der
Stadt der Steine, das alles scheint dem Körper des Aals zu entströmen. Synapsen
verbinden sich, Schleusen gehen weit auf, und der reißende Strom der Erinnerung
kann ungehindert fließen. Er strömt durch die Tunnel der Vergangenheit, droht
die Erde zu überschwemmen und den Himmel zu verdunkeln.
Ich habe die
ersten fünfzehn Jahre meines Lebens in der Stadt der Steine verbracht, doch ich
habe sie weit hinter mir gelassen. Jetzt lebe ich tausendachthundert Kilometer
von ihr entfernt mit einem Mann zusammen, der nichts über meine Vergangenheit
weiß, in einer Stadt, die sich auf jede nur denkbare Weise von meinem Geburtsort
unterscheidet. Schon seit Jahren habe ich jeden Briefkontakt zur Stadt der
Steine abgebrochen, doch jetzt muss ich plötzlich an sie denken - an die Dinge,
die dort passierten, und an die Menschen, die dort lebten. All diese Menschen,
deren Leben meines berührten und deren Leben ich berührte.
Wäre mir nicht von einem fernen Ort dieses Paket mit einem getrockneten und
gesalzenen Aal geschickt worden, hätte ich nie wieder an all das gedacht, was
in der Stadt der Steine
geschehen ist.
Doch so begann die Erinnerung.