Wladimir Makanin: "Underground oder Ein Held unserer Zeit"
Ein Schlachtengemälde des Alltags
"Held" und Erzähler des
Romans ist der alternde Schriftsteller Petrowitsch, der zu Zeiten Breschnjews
gezwungen war, in den Untergrund zu gehen und dort seitdem sein wechselhaftes
Dasein fristet, ohne dass jemals ein Roman von ihm veröffentlicht worden
wäre.
Petrowitsch schlägt sich in postkommunistischer Zeit - (in der Zeit von Glasnost
und Perestrojka) - als angesehener Wächter in einem riesigen Wohnheim durch
- (er bewacht
Wohnungen, deren Besitzer verreist sind, um zu verhindern, dass diese geplündert
werden) - und erzählt in dem Roman aus seinem Leben. Man erfährt unter anderem,
dass sein Bruder Wenja, ein begabter Maler, der sich in jungen Jahren mit dem
kommunistischen System angelegt hatte, aufgrund der von den seinerzeitigen Machthabern
angeordneten psychiatrischen "Behandlung" nun "geistlos" in einer psychiatrischen
Anstalt lebt.
Im Laufe der Zeit
verliert Petrowitsch, der bereits seit längerem nicht mehr als Schriftsteller
tätig ist, sein Ansehen im Wohnheim und seine Anstellung als Wächter. Aufgrund
der bevorstehenden Privatisierung der Wohnungen fürchten die Wohnungsbesitzer,
Petrowitsch könnte eventuell Ansprüche auf die Wohnungen geltend machen - und er
wird regelrecht aus dem Wohnheim geworfen. Nun bleibt ihm nur mehr der Gang ins
Obdachlosenasyl.
Nach einem Nervenzusammenbruch, gepaart mit einem
Tobsuchtsanfall, landet Petrowitsch schließlich in der selben psychiatrischen
Anstalt, in der auch sein Bruder lebt. Während seiner Einlieferung in die
Anstalt hat Petrowitsch im Delirium Morde angedeutet, und nun versucht man in
der Klinik, ihn mit Medikamenten und Fallen zu einem Geständnis zu
bewegen.
Makanin nimmt das Schicksal Petrowitschs als Grundlage, um die kommunistische
bzw. postkommunistische
Zeit zu beschreiben und über sie zu philosophieren. Man erfährt von "Wendehälsen",
dem Umgang der Psychiater mit ihrer Vergangenheit zu Zeiten Breschnjews und
der Not der Menschen, die man an manchen skurrilen Situationen erahnen kann:
durch Unfall oder Gewalt zu Tode Gekommene werden "bis auf die Unterhose" ausgezogen,
öffentliche Bänke werden gestohlen, Wohnungen geplündert, leere Flaschen gesammelt,
...
Schockierend sind der oft lieblose Umgang
mit der Sexualität, die Alkoholexzesse, die Korruption und die
Vergangenheitsbewältigung der Menschen. Dazu ein Zitat aus dem Buch:
"Auch
die Zeit spielte eine Rolle: Die Demokraten der ersten Stunde verloren bereits
Federn, in ihrer Ungeschicklichkeit verstanden sie es nicht, an die Hebeln und
Hebelchen, Räder und Zahnräder heranzukommen, mit denen in Russland die reale
Macht erzeugt wird. Sie hielten sich noch aus Trägheit, riefen aber schon den
einen oder anderen, der mit der Vergangenheit verwachsen war, zu Hilfe (an die
rostigen Hebel). Natürlich niemanden, der vom Sockel gestürzt worden war. Aber
mit den mittleren Parteifunktionären ging es bereits wieder bergauf."
Der
Stil Makanins ist sicherlich etwas gewöhnungsbedürftig und schwierig, hat man
sich jedoch einmal eingelesen, steht man vor einem Lesevergnügen erster
Güte.
Wladimir Makanin wurde 1937 in Orsk geboren, war Mathematiker und
Filmemacher, bevor er 1965 literarisch debütierte. Makanin gilt heute als
"Klassiker" unter den gegenwärtigen russischen Schriftstellern. 1993 erhielt er
den Booker-Preis, 1998 den Puschkin Preis für sein Gesamtwerk, 1999 den
russischen Staatspreis und 2001 den italienischen Penne-Preis.
(Wolfgang Varga; 11/2003)
Wladimir
Makanin: "Underground oder Ein Held unserer Zeit"
(Originaltitel "Andegraund, ili Geroi naschego
wremeni")
Aus dem Russischen von Annelore Nitschke.
Luchterhand, 2003. 701
Seiten.
ISBN 3-630-87150-X.
ca. EUR 25,-.
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Gänge
Schuhe
aus, barfuß über die Teppiche. Der Sessel wartet; welcher Russe würde schon
Heidegger lesen, wenn es Bibichins Übersetzung nicht gäbe! Doch kaum sitze ich
still, bin sozusagen im Hier und Jetzt zur Ruhe gekommen, da tappt schon jemand
vor der Tür herum. Es klingelt. Ich mache auf - hab nicht mal durch den Spion
geschaut: Klar, dass es einer von dem Hochzeitsgelage auf unserem Stockwerk ist,
wo es zwar schon dem Ende zu, aber immer noch hoch hergeht. Richtig: Kurnejew.
Veras Mann. Glück gehabt.
"Petrowitsch, ich bin's." Er guckt höflich, mit
feuchten Augen. Sternhagelblau.
Tritt ein. Sieht sich um.
"Hütest du ein?"
fragt er.
"Was denn sonst?"
"Schöne Wohnung", sagt er. "Hat Stil."
Ich
weise ihm die Richtung (zeige sie ihm streng): "In die Küche mit dir. In die
Küche, wenn du quatschen willst." (Ich weiß schon, worüber. Über seine Frau. Der
Ärmste.)
Voll, wie er ist, torkelt er doch geradewegs ins Zimmer. Ich
herrsche ihn an:
"Nicht ins Zimmer. Wozu Dreck machen?!" (Den ich dann
wegputzen muss. Dazu bin ich zu faul.)
"Verstehe. Die Teppiche -" Er ist in der Küche. Ich setze Teewasser auf. Wie
alle Betrunkenen holt Kurnejew weit aus. "Ihr Hagestolze habt euer Leben. Wir
Verheirateten haben unseres. Eine Ehefrau ist eine Ehefrau. Eine Ehefrau ist
ein Schmerz und eine Wonne! Paare finden bekanntlich Einlass im Himmel. Aber
wie es so weit kommt, wie sie aufeinander getrimmt werden, wie das Schicksal
des einen Stein für Stein an das Schicksal des anderen angepasst wird, das wissen
nicht alle. Ein Schriftsteller könnte sich dafür interessieren und etwas damit
anfangen." "Ja", sage ich, "das kommt mir sehr gelegen. Schieß los!" (Wenn man
mich braucht, um mir sein Herz auszuschütten, dann bin ich Schriftsteller. Das
bin ich schon gewohnt. Wenn man mich nicht braucht, bin ich ein Verrückter,
Wächter, Versager, Drückeberger, was auch immer, ein alter Graphomane eben.)
Ich würde ihn nur zu gerne hinauskomplimentieren. Aber das geht nicht. Ich habe
bei Kurnejews schon öfter gut gegessen. Außerdem singt Kurnejew (ich verstehe
etwas von angeheitertem Chorgesang). Und schließlich hat der Mann heute seine
Tochter hergegeben. Es ist schon spät, man hat genug gefeiert, jetzt heißt es
für die Gäste: marsch, nach Hause. Die letzten brechen gerade auf, aber Kurnejews
Frau dirigiert noch immer die Tafel, wirbelt umher, schenkt ein, lässt die
Flaschen
fallen, häufelt die letzten Speisen auf - und ihr Mann? Der hat gehörig getankt
und ist gegangen. Ist schließlich sein eigener Herr. (Hat sich auf dem Gang
herumgetrieben. Geraucht.) Jetzt hockt er hier, um alles loszuwerden, was ihn
quält - normaler Fall!
"Vera war hübsch, als sie jung war", erzählt er mir (Ehemann über
Ehefrau).
"Sie ist immer noch hübsch."
"Ach, bildhübsch war sie früher -"
Ich werde hellhörig. Ah! Mir fällt ein, dass Vera etwas mit Chanjukow hat,
mit dem Handwerker, dem Tausendsassa. Der gilt als leicht verrückt. Sieht aber
gut aus. (Hat einen Tick. Er knirscht mit den Zähnen.)
Ich weiß mancherlei
über diese Liebe: Bin Wächter und sehe viel auf den Etagen. Das ist der Grund,
weshalb Kurnejew in letzter Zeit wie eine Klette an mir hängt. Mich im Gang
aufhält. Mir eine gute Zigarette anbietet.
Aber im Wohnheim darf man nicht
quatschen.
"Ich hab mit meiner Vera viel durchgemacht, Petrowitsch. Gleich
nach der Hochzeit fing es an. Dann kam unser Sohn. Aber auch der Kleine konnte
uns nicht helfen."
Pjotr Alexejewitsch Kurnejew ist hager - langer, hungriger
Hals eines russischen Entwicklungsingenieurs. Und die typischen Geheimratsecken
eines Ingenieurs, die bei ihm so mächtig sind, dass sie wie eine weiße Zange
aussehen, die in seinen Schädel gezwickt ist.
Er erzählt:
"Wir nannten ihn Vitja - Sie mochte immer schon Männer, die einen Knall haben.
Was für ein Geschmack! Zuerst war es Bubnow, ein berüchtigter Streithammel in
der Fabrik. Dann ein gelockter Filmvorführer. Dann hatte sie plötzlich einen
Flieger. Der fragte sie: Was ist, Vera, machen wir die Flatter? Nimm Vitja.
Dann hauen wir ab. Gesagt - getan. Aber der Mann hatte seine eigene Frau. Und
seinen eigenen Vitja. Schwer zu sagen, was sich dieser Flieger damals gedacht
hat - Der war einfach dumm. Saudumm! Hat für die Kosmonauten trainiert. Ich
habe erst nach Jahren begriffen, dass die Prahlsucht, der Drang zum Schönreden,
die Menschen völlig um den Verstand bringt!"
Kurnejew hat jetzt den richtigen Tonfall
gefunden. Er gibt sich Mühe. Seine Enthüllungen öffnen mein Herz. Denkt
er.
"Warum hat er sie denn mitgenommen? Er hat sie doch nicht in eine andere Stadt
gebracht, sondern nur mitten in die Pampa. Aber das war es eben: Es ging ihm
ausschließlich um dieses: 'Hauen wir ab!' - Ein erwachsener Mann. Und nur Stroh
im Kopf. Meine Vera wurde vor Kummer krank. Fieber. Erbrechen. Sie musste zurück.
Dann stiegen sie irgendwo um. Und beim Umsteigen, in dem ganzen Trubel, in der
Menge der Neulandsiedler, damals strömten sie in Scharen in die Steppe, wurde
Vera ohnmächtig. Vielleicht nicht im Bahnhof, sondern im Zug. Sie weiß es nicht
mehr. Sie kam in einer kleinen Rettungsstelle der Bahn wieder zu sich. Allein.
Ohne Vitja -"
Ich nicke. Diese uralte schaurige und durchaus
verbreitete Geschichte, wie Vera Kurnejewa ihr Kind verlor, habe ich schon
einmal gehört (allerdings ohne die Einzelheiten). Wie sie hierhin und dorthin
rannte, weinte und an die Bahnhofsvorsteher telegrafierte, bis sie kein Geld
mehr hatte. Nein. Das Kind war nirgendwo. Jemand hatte Vitja mitgenommen, ihren
kleinen Vitja - wenn er wenigstens bei guten Menschen gelandet wäre, das wäre
noch tröstlich. (Kurnejew guckte mich an: Hörte ich zu?) Sie kehrte ohne den
Sohn nach Moskau zurück. Er, Kurnejew, brach sofort auf, ging ebenfalls
verloren, hielt überall Ausschau, schickte Telegramme, fuhr herum, schlief auf
Holzbänken an den unzähligen Stationen und Haltepunkten im gesamten Umkreis.
Suchte und fragte überall - nichts.
"Wie sollte man ihn denn finden? Er hatte
keine besonderen Merkmale. War ein einjähriger Bub. Früher hatten die Kinder
irgendwelche Medaillons, Muttermale oder Zettel. Dann erfuhr ich auch noch, dass
man diese kleinen weinenden Babys klaut, um mit ihnen bettelnd die Waggons
abzuklappern. Die Bettler klauten Kinder. Für gewöhnlich, wenn die Mutter
schlief. Mit einem Kind im Arm brauchte eine Bettlerin im Zug nicht mal zu
singen. Sie verdiente etwas und fuhr gratis. Kinder sterben rasch in fremden
Händen. Das macht diesen Leuten doch gar nichts aus - nach drei, vier Wochen
verscharren sie es, fertig."
Er vergoss eine betrunkene
Träne.
Sie war winzig und fahl, er wischte sie weg.
Ich bestärkte ihn - ja, ich hätte davon gehört.
Habe gehört, dass Sie einen Sohn hatten, vor Natascha, die Sie gerade
verheiratet haben. (Deren Hochzeit heute gefeiert wird.)
Kurnejew hob die
Hände und seufzte, ja, das war die Geschichte, das war sein Kummer.
Er
stellte die Teetasse sehr behutsam ab. Ich merkte an seinen Händen, an seinen
Fingern, dass er gar nicht so betrunken war. Er ließ sich jetzt mit dem Erzählen
Zeit. (Hatte mich schon am Mitleidshaken.)
"Ich fuhr damals an die Wolga,
verbrachte zwei volle Monate auf der Baustelle. Kam zurück - im Zimmer keine
Menschenseele. Weder Vera noch Vitja. Ich suchte, rannte durch das ganze Heim.
Damals wohnten hier noch Tausende. Es gab keine Wohnungen. In jedem Zimmer
hauste eine Person, manchmal auch zwei oder drei. Ich rannte herum und rief:
'Vera-a! Vera-a!' Vielleicht hockte meine junge Frau noch bei irgendwem. Bislang
war alles noch anständig. Weiß man's, warum ein Mann seine Frau ruft? Aber
draußen wurde es dunkel, und in den Gängen gingen die Lampen an. Da schreit man
nicht mehr laut herum. Die Menschen haben Feierabend! Jetzt fingen die
qualvollen Minuten an: Ich ging von Tür zu Tür und lauschte."
Er
erzählte:
"Ich Dummkopf dachte immerzu, sie sei bei irgend jemandem. Hätte Vitja bei einer
jungen Freundin abgeladen und sei selbst bei einem Kerl. Beim nächsten Verrückten
- Ich klapperte die Etagen ab, die Gänge, immer die Ohren gespitzt, und lauschte.
Schaute in alle Zimmer rein. Entschuldigte mich. Polterte herum. Ein Zimmer
nach dem anderen. Ja, ja, ich suchte meine Frau. War selbst ein junger Tropf!
- Dich könnten die Gepflogenheiten im Heim damals interessieren. Die Regel war
nämlich: Wenn du deine Frau mit einem andern erwischt hast, dann tischt sie
euch beiden sofort eine Flasche auf. Damit ihr euch beim Wodka auseinandersetzt.
Und nicht gleich blutig schlagt."
Er
seufzte:
"Wenn eine Frau keine zwanzig ist, sollte sie noch kein Kind haben. Sie ist
selbst noch ein Kind. Sie möchte spielen. Sie lässt sich mit einem Lebkuchen
oder Bonbon verführen - Erst als sie Vitja verloren hatte, erst als Natascha
geboren war, erst da hat meine Vera was vom Leben begriffen."
"Wie
steht's mit der Hochzeit deiner Tochter - ist sie zu Ende?"
"Fast."
Wir
schwiegen eine Weile. Der tote kleine Vitja war noch bei uns. (Aber nicht lange,
so kurz, wie er gelebt hatte. Die Pause ließ den kleinen Engel
vorüberfliegen.)
"Tja", sagte ich.
"Vera veränderte sich. Sie hatte begriffen. Und ich verzieh ihr. Es ging uns
gut. Wir waren glücklich! Sehr glücklich! Ja, sie veränderte sich", sagte Kurnejew
mit Nachdruck. "Aber jetzt ist sie fünfundvierzig. Bald sechsundvierzig. Ein
Schriftsteller sollte wissen, was für ein schwieriges Alter das ist -"
Er schaute mir in die Augen, als
fragte er schon. Und (Seufzer) meinte nachdenklich:
"Du verstehst vielleicht
was von Frauen. Aber verstehst du auch was von Ehefrauen?"
Ich zuckte die
Achseln.
"Versuche zu verstehen", Kurnejew schlich sich weiter in meine Seele
ein, "fünfundvierzig, das ist ein besonderes Alter. Die Frau hat wieder
Sehnsucht nach Zärtlichkeit. Wie ein junges Mädchen. Wie ein Kind. Und wir
Männer tragen die Verantwortung."
Ich sah, dass Kurnejew betrunken und
aufrichtig war. Aber ich merkte nicht gleich, dass er gut zu erzählen verstand
(von sich). Sein äußerlicher Gram hatte einen Stachel.
Er kam nämlich immer wieder sehr raffiniert auf jene fernen (und schmerzlichen)
Minuten zurück, als er Vera auf den Gängen und in den Zimmern des Heims suchte.
Er schien die Reihenfolge durcheinander zu bringen, aber das schien nur so.
So erzählte er vom Leben mit seiner Frau (vom geglückten Leben), das Bild für
die direkte Intervention in die Seele des Zuhörers blieb dagegen immer dasselbe:
Wie er, Kurnejew, vor jeder verschlossenen Tür stand, Höllenqualen durchlitt
und sich fragte: Ist sie hier? - Sein persönliches Geheimnis, das Geheimnis
seines Zimmers, wurde fast zum ewigen, gemeinsamen Geheimnis des gesamten Korridors.
Eine versperrte Tür bewahrt ihr Geheimnis. Kurnejew ging an einer Tür vorbei,
stockte, beschleunigte seinen Schritt - war das nicht ein Zeichen? Jetzt dachte
Kurnejew (und ich mit ihm) auf dem Gang neben jeder versperrten Tür: Hatte er
hier gestockt? Hatte hier sein Herz schneller geschlagen?
"Ich stand vor der Tür. Schmiegte mich gegen den Türspalt. Wagte nicht zu rufen
und hauchte leise, fast ohne die Lippen zu bewegen: Veraa -"
Seine Stimme versagte aufs neue,
und aufs neue hing ich, der Zuhörer, am Haken des Mitgefühls. Mit einer
Verspätung von fünfundzwanzig Jahren suchte ich ebenfalls die Ehefrau Vera und
den verschollenen einjährigen Jungen (versuchte, hinter den Türen sein
hungriges, sehnsüchtiges Weinen zu vernehmen). Vor meinen Augen erstreckte sich
verschwommen der vertraute Gang des Wohnheims, brannte das Licht, erschien das
endlose (von der Erzählung aufgezwungene) nächtliche Labyrinth der Wohnungen und
Zimmer mit verschlossenen Türen. Ich war ganz Ohr, Pjotr Alexejewitsch Kurnejew
aber (der mir das Mitleiden einfach so, aus Versehen geschenkt hatte) rieb sich
seine hohen Geheimratsecken. Unterdrückte einen Seufzer. Und wiederholte, dass
man verrückt werden konnte, wenn man so auf die Blechziffern (die Nummer der
geheimgehaltenen Wohnung) starrte, das Holz der Tür berührte und & nicht
klopfte, nicht hineinging.
In dem Augenblick, da das Bild des Korridors allmählich in mir (in uns beiden)
verblich, griff Kurnejew in seine Hosentasche. Eine kleine Flasche kam zum Vorschein.
Trinken wir? - "Nein", sagte ich, "heute nicht: Meine
Leber
tut weh." - "Wie alt bist du? Fünfzig?" - "Vierundfünfzig." - "Dann sind wir
ja gleich alt! Darauf müssen wir trinken! Keine Bange! Mit vierundfünfzig darf
sie weh tun - das sind nicht deine Probleme, das sind die Probleme deiner Leber!"
"Na schön", sagte ich.
Doch er selbst trank nicht, er habe schon
genug! Kurnejew überließ mir die Flasche auf dem Tisch, sie war warm, er hatte
sie schon seit einer Stunde in der Hosentasche.
"Tee?" bot ich erneut
an.
"Gibt's hier keinen Kaffee?"
"Vermutlich schon. Aber ich muss erst
suchen. Von Kaffee
haben sie mir nichts gesagt."
Er willigte freudig ein:
"Dann suchen
wir!"
Entweder hielt mich Kurnejew für einen Dummkopf (der die Regeln im Heim
nicht kannte), oder er glaubte (aller Wahrscheinlichkeit nach), ich hätte
Mitleid mit ihm und würde etwas über Vera und Chanjukow ausplaudern. Es kam ja
vor, dass einer seine Klappe nicht halten konnte. Oder die Information einfach
durchsickerte. Immerhin trieb ich mich auf den Etagen herum, wenn alle bei der
Arbeit waren. Ab und zu fiel mir sicher etwas auf. Sah ich etwas.
Aber das war es ja (das war ja das Traurige), dass ich sehen konnte. Vera hatte
sich nicht verändert. Und er auch nicht. Vielleicht beruhte es auf Gegenseitigkeit.
Sie lief weg, und er suchte sie. Mit den Jahren hatte sie eine verdecktere,
annehmbarere Form entwickelt. (Er auch.) Sie trieb es leiser und sorgfältiger.
(Er auch.) Sie verschwand an dem Tag und zu der Stunde, wenn er auf Arbeit war.
Und er klopfte nicht an die Türen, wenn er suchte. Er kam am Abend und bot nicht
nur Wodka an, sondern auch ein vertrauliches Gespräch, damit ich mich verplapperte
(oder ein anderer), in welcher Wohnung er sie suchen sollte -
Ein Jahr ums andere ging er lauernd an fremden Wohnungen vorüber; und
konnte diesen Gang nicht verlassen. Grüßte die Leute. Rauchte am Fenster an der
Stirnseite. Trug plötzlich den Teekessel in die Gemeinschaftsküche. (Obwohl jede
Wohnung eine eigene Küche hat. Aber sein, Kurnejews, Gasherd war angeblich
kaputt.) Er ging mit dem Teekessel hin, dann wieder zurück. Und immer an diesen
und anderen Türen vorbei. Aber er schrie nicht mehr, gealtert, wie er war, rief
nicht: "Vera! Vera!" und steckte seinen Kopf nicht in jede Türöffnung, sondern
überlegte. Rätselte. Versuchte zu erraten. Er war lange Zeit ein ganz kleines
Licht. Dann kam der Aufstieg in einem bekannten Konstruktionsbüro. Er leitete
nun eine Abteilung. Reiste oft ins Ausland, als Fachmann für Demontage. Dann
wurde er, wie üblich, von den geheimen Aufträgen entbunden, und der Ingenieur
war wieder bei Null, im Grunde bestohlen - er hatte noch den Mut zu
protestieren, mit einem Plakat über den Platz zu gehen und zu schreien, dass ihm
seine Patente weder Ruhm noch Geld gebracht hätten. Für kurze Zeit tauchte sein
Foto in der Presse auf. Kurnejew aus Wohnung Nr. 434 - Pjotr Alexejewitsch. Doch
seither blickte er nicht mehr zurück. Arbeitete, wo er gerade gebraucht wurde,
Hauptsache, er verdiente etwas. Sein Ehrgeiz war eingeschlafen. Jetzt war er
alt. Viel hatte sich in den Jahrzehnten seines Lebens verändert - nur eins
offenbar nicht: Er suchte seine Vera immer noch auf den Gängen. Ewige Suche.
Öffnete, sich entschuldigend, fremde Türen und fragte überall.
Er hatte
dieses Bild des leeren Korridors und der Suche nach der Frau selbst angeboten.
War selbst in das Bild geraten, lebte selbst darin. Ich habe nichts damit zu
tun. Obwohl ich noch einen Pinselstrich hinzufügen könnte.