Die Mauersegler zerschnitten die
Luft
mit ihren Sommerschreien
Die Mauern warfen die Töne zurück
die Fenster flogen auf
Es flimmerte überm Asphalt
Sonne im Staub, meine Schritte,
die Blätter, die Vögel,
zogen diese Vögel
nirgends hin
in dieser Jahreszeit
Du verfolgst mich
Sie kreisen überm Haus
sie stürzen, man glaubt sie fallen
Sie stoßen herab und sie fallen
Es rutscht
und du rutschst
in den Straßen, mir nach
und ich rutsche
in glitschigen Haufen
gefallener regennasser Blätter
der Fäulnisduft ist so gut
daß ich vor Freude
weine. Bald müssen wir
weg von hier und bald
bist du nicht mehr ich
und bist weitergegangen
was stell ich dann bloß
mit meinen
Händen an
Die Alleebäume, in Scheiben
gesägt, im Regen
Blätter in glitschigen Haufen
Ich warte auf seinen Umriß
über dem Hügel
flackert bei messerscharfem Blitz
Ich sehe
wie die Nacht hereinbricht
Triefend vom Regen
fällt er durch die Tür
Er liegt
die Stimme verschleiert und stumpf
Die Hände die springen
Gespannt wie ein Bogen
beuge ich mich hinab
Unter mir leuchtet sein Kratergesicht
Er lacht so sonderbar
bübisch und spitz und
ist so betrübt
Wenn er lacht
(Pia Juul)
(aus: Augen
überall, Gedichte, aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle erschienen bei DVA)
Pia Juul : Die Mauersegler
zerschnitten die Luft
Interpretation
Da haben wir ein Gedicht,
das sich nicht auf einen Titel festlegt, das freirhythmisch ohne stabiles Versmaß
sich seine Form sucht.
Suche, Erwartung, Tasten in ein Ungewisses der Liebe, im Nebel sich durchdringender
Erzählzeiten von der Erinnerung hin zur Erwartung seine zögernden Schritte setzend
- das ist dann auch das Thema.
Ein Liebesgedicht, das, sich zurückwendend, im Imperfekt beginnt: harte, von
den Mauern zurückgeworfene, dramatisch verstärkte Vogelschreie, dramatisch auch
die auffliegenden Fenster. Da hinein tritt ein das auf Erinnerungsbahnen zurückkehrende
Ich: "meine Schritte". "Asphalt", "Blätter", "Sonne", "Staub", also Herbstliches,
wird vom erregten Gefühl betastet, vor allem, offenbar unauslöschlich erinnert:
"Vögel", die "nirgendwohin" ziehen. Eine in sich kreisende Welt, Obsession.
"Du verfolgst mich", heißt es dann auch, im Präsens. Ein bedeutungsvoller Zeitenwechsel.
"Verfolgen", eine dynamisch obsessive Vokabel des Brückenschlags von der Vergangenheit
zur bedrängten Gegenwart. "Du verfolgst mich" - auch Zwiespalt bedeutend, denn
das Du wurde vielleicht fluchtartig zurückgelassen, vielleicht zurückgewiesen,
aber es lässt sich nicht abschütteln. Und wieder spiegelt sich diese vage Angstunruhe
in den "über dem Haus" - oh ja bedrohlich! - kreisenden Vögeln, das verfolgende
Du einschließend, in ihren Schwarm aufnehmend.
Und der Anfall, Ansturm der Erinnerung ("zerschnittene Luft", "schreiendes"
Sommergefühl - wir erinnern uns) bringt den sicheren Stand der Ich-Gegenwärtigkeit
ins Rutschen: "Es rutscht".."mir nach" - sich fortsetzende Verfolgung also.
Aber dann geschieht das kleine Herbstwunder: Den glitschigen Haufen regennnasser
Blätter, Vokabular assoziierbarer Geborgenheit, Feuchtigkeitsglück, entströmt
ein ach "so guter..Fäulnisduft", ja
Duft, überaus kostbarer Geruch, der sofort,
unvermittelt der Angst entkommend, "Freude" auslöst. Die Erinnerung an das geliebte
Du wird habhaft, wird gegenwärtiger Besitz, allerdings nur, um sogleich erneute
Angst, Verlustangst auszulösen.
Zusammengefasst heißt das ja wohl: Bitte verfolge mich nicht, ich hab dich doch
zurückgelassen; wenn ich dich habe, bist du mir doch gleich wieder verloren.
Und schon, eingefangen
vom Verfolger, springen die Gedanken ins Zukünftige, vorauseilend ins unweigerlich
Kommende. Und in dieses Künftige projiziert, blickt sie, die lyrische Erzählerin
(wir haben ja im Grunde ein Erzählgedicht vor uns) schon trauernd ratlos zurück:
"Bald... bist du weitergegangen" - "Was stell ich bloß mit meinen Händen an",
den tätigen, zärtliche Gefühle ausagierenden Organen des von der
Sehnsucht geplagten
Ich. Die "Alleebäume", Ausdruck für
verlässliches
Leben, Bäume ja überhaupt der Seele
befreundet, sind gefällt, "zersägt" gar, nutzbringend getötet, die wiederkehrenden
glitschigen Blätterhaufen umlagern sie, - gar nicht mehr "duftend", muss man
vermuten - als abgestorbenes Leben.
Dann aber, in einem erneut sich aufraffenden Wunder, sich als neue Strophe deutlich
dem Gefälle des Vorangegangenen entziehend, setzt das so ambivalent erschütterte
Ich sich ab von den Schreckvisionen, "wartet" (keineswegs verfolgt - es ist
sozusagen der Gegenbegriff) aus sicherer Distanz einer projizierten Zukunft
auf den Geliebten, der -"bei messerscharfem Blitz" - das Geschehen bleibt weiterhin
äußerst dramatisch - "durch die Tür fällt" - von Regen triefend. - Dieser herbstlich
lebenschenkende, versöhnende Regen setzt sich fest als ein Grundmotiv des Gedichts,
Vögel und Regen, hochgespannt in ihrer Ambivalenz.
Und "die Hände" kehren wieder, "springend" jetzt, undeutlich, ob dem Ich oder
dem Du zugehörend. Sie "springen" - greifen sie? Sind es gar vier Hände, die
einander springend greifen? Aber seltsam, wieder mitten hinein in die Freude
über die Ankunft des Geliebten dessen "Kratergesicht", vom Alter oder erfahrenen
Leiden offenbar tief zerfurcht. Und ambivalent mündet das Gedicht auch aus:
"sonderbar" das geliebte Lachen, "betrübt, wenn er lacht" - "bübisch" und "spitz",
also über alles hinweg vergnügt.
So ist sie, die Liebe, auf und nieder erschütternd, nach und mitten in allen
Leiden und Zweifeln beharrlich die Oberhand behaltend.
Ein Wort noch zur geformten Plastik des Gedichts. Tatsächlich ähnelt es einer Skulptur oder einem schnellfließenden Bach, der mal sich verjüngt und schmal wird, sich wieder verbreitert, sich Luft schafft nach zeitweiliger Beengung, zuckt und flackert, sich im kreiselnden ungewissen Gefühl aber zielstrebig den Weg sucht - eben zu diesem verfolgenden, mit geschlossenen Augen umarmten, schließlich ankommenden, geliebten Du, zur ankommenden, angenommenen, schwierigen Liebe.
(Peter Gronau)